LOVE
Susanne Stiegeler (D)
Galerie der Fakultät für Malerei, Akademie der Bildenden Künste Krakau
Eröffnung: Montag, 3. November 2025, 18:00 Uhr
Kurator: Dominik Stanisławski
„Was tot ist, ist tot“ – notiert der Finne Arto Paasilinna in einem seiner beliebtesten Romane, der die Busreise einer Gruppe von Menschen an die Grenze des Lebens beschreibt.
Die Ausstellung von Susanne Stiegeler – so individuell wie der Moment des Todes selbst – wird am Montag, dem 03. November, eröffnet. Sie beginnt mit dem Start einer neuen Woche und richtet den Blick in die Zukunft – denn wenn wir über den Tod nachdenken, blicken wir, selbst im Akt der Verdrängung, nach vorn.
Am Tag zuvor begeht man in Polen das Fest Zaduszki, in den katholischen Regionen Deutschlands Allerseelen – also den Tag aller Verstorbenen, einen besonderen Tag, der denjenigen gewidmet ist, die ihre irdische Reise bereits beendet haben. Über eine besondere Untergruppe der Verstorbenen – die Heiligen – spricht man bereits am Allerheiligen, dem 01. November.
Es ist erwähnenswert, dass diese besondere Zeit des Jahres auf vorchristlichen Kulturen beruht, die das Fest der Ahnen (Dziady) feierten.
Ein wichtiges Element jener ursprünglichen Rituale der Gastfreundschaft gegenüber den Seelen der Vorfahren, mit denen man den Kontakt aufrechterhalten wollte, waren Mahlzeiten aus Brot, Honig, Grütze oder Wodka.
Die Präsentation von Susanne Stiegeler kann man als ein visuelles Festmahl verstehen – eine symbolische Brücke zwischen zwei Welten.
Man sagt, das erste Bild, das die Menschheit jemals erschuf, war ein Grabmal – eine Art Zeichen, das etwa in Form eines auf dem Grab liegenden Steins auftrat und auf eine Person verwies, die man nicht mehr sehen konnte.
Man erkennt darin auch eine abstrakte Geste.
Die Ausstellung der deutschen Künstlerin, die in der Krypta des Akademiegebäudes vorbereitet wurde, folgt mit figurativer Sprache diesen ursprünglichen Formen der Darstellung der Verstorbenen.
Sie schon, sie auch … wir noch nicht.
Und wenn dem so ist, dann gönnen wir uns einen Blick mit festivalweitem offenen Auge.
Jemand hat einmal Zu Recht bemerkt, dass wir „im Alltag“ unsterblich sind – psychologische Schutzmechanismen sorgen dafür, dass wir das in uns arbeitende (kollektive) Bewusstsein des unausweichlichen Endes unserer irdischen Reise vergessen.
Doch dieselbe Alltäglichkeit erlaubt uns, das hohe Tempo zu beobachten, mit dem die Räume „auf der anderen Seite des Regenbogens“ bevölkert werden.
Aber die Ausstellung von Susanne Stiegeler handelt nicht vom Tod als endgültigem Ende.
Genau das sagt ihr Titel: LOVE.
LOVE verweist auf jenen unverschämten Aspekt des Daseins, den man als Exzess – als Überschreitung – verstehen kann.
Es gibt gewiss mehrere Formen solcher Überschreitung, die mit dem Tod verbunden sind:
Das kann Humor sein, selbst schwarzer;
das kann Gelassenheit sein – eine heitere Distanz zu uns selbst, die in die Zukunft blickt;
das kann Erinnerung sein, selbst in abstrakter Geste ausgedrückt;
oder jene besondere Form der Verbindung, die wir mit denen eingehen, die nicht mehr sichtbar sind.

Stecken Sie Ihre Nasen in diesen Text
… von Dr. Daniela Schwardt zum „Goldene Nasen – Projekt“ von Susanne Stiegeler:
Auf der Ortung 14 in Schwabach kann man die „Goldenen Nasen“ der Künstlerin Susanne Stiegeler im Atelier 15 in der Schulgasse besichtigen. Ihr „Goldene Nasen“- Werk ist dem Namen und der Personifikation nach lose inspiriert von Nikolai Wassiljewitsch Gogols Erzählung „Die Nase“ (1836). In dieser grotesk – fantastischen Erzählung wandert eine menschliche Nase umher, die einem Beamten abhanden gekommen ist und vielleicht als lebendige Parodie den zaristischen Apparat entlarven soll.
Während Gogols schwer zu deutender Text seinen Zeitgenossen und zu seinem Glück auch den Zensoren ein Rätsel blieb, hatte Stiegeler mit ihrem gegenwärtigen, interaktiven Kunstprojekt der „Goldenen Nasen“ den richtigen Riecher: von August 2023 bis Juli 2025 wollten viele Menschen bei der Künstlerin ihre Nase vorn haben – die abgebildete Weltkarte zeigt Stiegelers Stationen im In- und Ausland bei zahlreichen Aktionen. Stiegeler sammelte von den bislang 432 Teilnehmenden Nasenabdrücke aus Gips. Diese Abdrücke wurden vergoldet, aber nicht nur, damit bei der Ortung der verpflichtende Gold(schläger)-Bezug nicht auf die Nase fällt.
In den bisherigen Werken ihrer bildenden Kunst und Malerei ist Gold immer schon ein zentraler Werkstoff und ein elementares Motiv. Die Goldenen Nasen erinnern in der Komposition aus feierlicher Präsentation und augenzwinkerndem Humor an Stiegelers ikonische Tierporträts und ihre Reliquienkunst. Das wertvolle, in Kultur- und Kunstgeschichte spirituell aufgeladene Gold verleiht den Nasen den Nimbus des Kostbaren. Was will uns die Künstlerin hier auf die Nase binden? Wer Susanne Stiegeler kennt, weiß, dass sie ihre Nase keinesfalls hoch trägt. Sie band die überwiegend spontan mitwirkenden Menschen in den Schaffensprozess ihres Kunstwerks auf herzliche und wertschätzende Weise ein. Während der werkstattlichen Arbeit konnte man mit ihr in den Dialog treten, also sprechen, lachen, auf die Welt schimpfen oder sich in den Arm nehmen. Die „Nasenspender“ wurden zu einer großen „Nasenfamilie“, denn jeder Abdruck ist mit dem jeweiligen Vornamen beschriftet. Damit repräsentiert jede goldene Nase nicht nur den jeweiligen Besitzer, sondern verbindet ihn gleichzeitig mit den Nasen aus aller Welt.
Allerdings reibt uns die Ausstellung etwas Reales unter die Nase: die goldenen Nasen sind in der Reihenfolge ihrer Abnahme angeordnet und auf blauem Samt präsentiert. Sie werden nicht irgendwie hierarchisiert oder kategorisiert. Jeder Nase – und damit gleichbedeutend jedem Spender – wird dadurch derselbe Raum und dieselbe Aufmerksamkeit zuteil. Und zwar unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht, sozialer Stellung, Religion oder sexueller Orientierung. Die Einzigartigkeit jeder Nase und damit verbunden die des repräsentierten Individuums steht in Spannung zur Kollektivität aller Nasen. Es entsteht eine visuelle Gegenposition zu den derzeit grassierenden Tendenzen der Dominanz und der Spaltung. Schon im Schaffensprozess wird dezidiert eine Geschichte der Verbindung und der Gemeinschaft erzählt und realisiert.
Somit wird der Gedanke der Gleichheit aller Menschen und der Würde des Einzelnen, der in unserem Grundgesetz verankert ist, sichtbar und spürbar. Ob sich die Besucher an die eigene Nase fassen, um zu überprüfen, ob sie dieser vielleicht doch einen höheren Stellenwert gegenüber anderen zugeordnet hätten, oder ob sie den Nasenspitzen Anderer etwas ansehen wollen?
Auch wenn man alle naselang auf die theoretische Abhandlung und den Streit über die Inhalte der Menschenwürde trifft: mit der Ausstellung Hunderter Nasen bietet die Künstlerin einen Ansatz der Verspieltheit und Teilhabe. In ihrem Werk beschäftigt sich Susanne Stiegeler grundsätzlich mit der Frage, was von einem Menschen bleibt. Zum Glück handelt es sich nicht um Abgüsse, sondern nur um Abdrücke. Diese verweisen auf die Existenz ihrer Träger.
Sie führt uns gerne etwas an der Nase herum. Spielt sie auf die goldenen Totenmasken der antiken Herrscher an, etwa des Tutenchamun oder des Agamemnon? Sollen die überkommenen Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf gestellt werden, indem Hinz und Kunz den Totenritualen auf der Nase herumtanzen? Soll man jetzt plötzlich alle besser riechen können oder sich eingestehen, dass einem so manche Nase einfach nicht gefällt? Um mitreden zu können, ergeht die herzliche Einladung, seine Nase in die Ausstellung zu stecken.
Dr. Daniela Schwardt
Rokokissimo
Die barocke Vanitas wirkte als spirituelle Gegenwelt zur höfischen Prachtentfaltung in den katholischen Kirchen. Hier trat den Gläubigen eine Mahnung vor eitler Vergänglichkeit in Form überreich dekorierter menschlicher Knochen und ganzer Skelette vor Augen. Der enorme Bedarf an Reliquien hatte zur Folge, dass ein geradezu inflationärer Handel mit Katakombenheiligen fragwürdiger Herkunft einsetzte.
Susanne Stiegeler widmet sich in ihren Objekten und Installationen diesem heutzutage exotisch anmutenden Aspekt religiöser Verehrung. Mit viel Liebe zum Detail und einem gewissen Augenzwinkern bezieht sie sich in ihren Assemblagen auf die Tatsache, dass sich die Menschen damals auch schon gern von Fakes blenden ließen.
Zugleich holt die Künstlerin durch ihre täuschend echt gestalteten Nachbildungen der mit Gold, Edelsteinen und Stickerei verzierten Gebeine einen gern verdrängten Bereich in unser Bewusstsein zurück. Stiegeler konfrontiert uns mit dem unausweichlichen Tod. Ihre artifiziellen Reliquiare bilden ein krasses Anti-Statement zur materialistischen, auf ewige Jugend und Schönheit eingeschworenen Konsumkultur.
Dr. Harald Tesan
Kunsthistoriker, Hochschullehrer, Kurator
Susanne Stiegeler: Heilige Tiere und Objekte
Sieben Tage – Bilder zur Schöpfung (Museum Kirche in Franken, Bad Windsheim)
„Tiere führen keine Kriege, bringen sich nicht aus Habgier gegenseitig um, produzieren keinen Müll. Tiere sind dem, was wir das Göttliche nennen, viel näher als der Mensch, der sie auch noch denkbar schlecht behandelt.“ In diesem Sinn ist jedes Geschöpf – und sei es noch so unscheinbar wie der Nacktmull oder so verhasst wie die Ratte – heilig. Das meint Susanne Stiegeler durchaus ernst. Und malt sie im Stil alter Ikonen auf Holztafeln, vor neutralem Hintergrund, in Frontalansicht, umgeben von einem Heiligenschein. Aber wie die Künstlerin jedes einzelne Tier porträtiert, ihm menschliche Züge und einen eigenen Charakter verleiht und Augen, die uns direkt anschauen, das verrät den feinen Humor der Künstlerin.
Susanne Stiegeler geht es um das Erinnern, das liebevolle Bewahren einer Existenz. Das haben die Heiligen Tiere mit ihren „Objekten“ gemeinsam. Kleinen Kästchen und Rahmen, in denen sie die Überreste einer heiligen Koralle, das Nest einer heiligen Wespe und einen Engelsflügel aus Transilvanien aufbewahrt – oder ist es doch „nur“ der Flügel einer Taube? In wochenlanger, geduldiger Arbeit mit goldenen Borten verziert, mit glitzernden Steinen und Perlen geschmückt, scheinen die Objekte direkt aus dem Reliqienschrein einer Kirche zu stammen. Nimmt sie Gold oder Farbe, Edelstein oder Glas, kostbares oder Fundstücke vom Flohmarkt? Das bleibt ihr Geheimnis. „Es geht nicht um echt oder nicht“, sagt Susanne Stiegeler. „Sondern darum, was wir glauben.“ Wie bei dem Talismann, den wir zur Prüfung mitnehmen, damit er Glück bringt. Ihre Objekte verkörpern die tiefe Sehnsucht vieler Menschen nach dem Unbegreiflichen, Mystischen, Unerklärbaren, nach Ritualen.
Ihr Thema ist also nicht etwa die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, zu der sie eine durchaus kritische Beziehung hat. Susanne Stiegeler nutzt die christliche Bildsprache, ihre Ästhetik, um ihr eigenes Verhältnis zu Leben und Tod, Liebe, Magie und Vergänglichkeit zu ergründen. Weil ihr, Tochter einer Portugiesin, diese Sprache aus ihrer Kindheit im Land ihrer Mutter vertraut ist. Und weil sie, bei aller Distanz zur Institution Kirche, die wirkmächtigen Bilder und Riten, den ganz besonderen Totenkult in Portugal liebt.
Katharina Winterhalter
„Rest in pieces“ – Reliquienkunst im sakralen Raum
Susanne Stiegeler, Mitglied der Nürnberger KREIS-Galerie, stellt in der Egidienkirche aus
Einer der ältesten Kirchenorte Nürnbergs, die Egidienkirche im Sebalder Stadtviertel, wird zum Ausstellungsraum für außergewöhnliche Kunst. Betritt man die imposante Barockkirche verschmelzen die Exponante von Susanne Stiegeler mit dem Innenraum der Kulturkirche, wie sie Pfarrer Thomas Zeitler stolz vorstellt. Sie hat ihre „Wunderkammern“ integrativ und intuitiv im Altarraum angebracht, sodass sie sich dem Betrachter bisweilen erst auf den zweiten Blick offenbaren. Der Grund dafür ist, dass Stiegelers Werke mit ihrem Dekonstruktionscharakter in einem ambivalenten Spannungsfeld zu sehen sind: Traditionell überhöhte Elemente der katholischen Reliquienverehrung paaren sich mit ironisierenden Stilbrüchen – dazu in einer protestantischen Kirche, die den Kunstwerken hinter Glas den notwendigen schlichten Raum für eine faszinierende Wirkung lässt. Das große Herz, das vor einem filigranen Teppich aus präzise gesetzten Perlen, bunten Glassteinen und schillernden Goldfäden sphärisch zu schweben scheint und gleichzeitig auf dem zentralen Altar das „Herzstück“ der Ausstellung ist. Einen weiteren Blickfang bilden die aufwendig gestalteten Gebeine des Heiligen Hippolyt, der wie ein wohlgehüteter Schatz am Ende des Chorraums eingebettet wurde. Im rechten Teil des Querschiffs begegnet man der Heiligen Eulalia, die ihre Skeletthand schützend über ein fast frech dreinschauendes Hermelin hält. Hier sind die aufwendigen Verzierungen und die Beleuchtung der Knochen so geschickt angebracht, dass die Figur in einer warmen Lebendigkeit und eleganten Ästhetik erstrahlt. Dabei vergisst man beinahe, dass man vor toten Gebeinen steht, deren Herkunft und Echtheit die Künstlerin bewusst offenlässt: „Es ist ja auch im traditionellen Reliquienkult nicht klar, ob es sich um ein Stück eines Heiligen handelt oder nicht.“
Diesen individuellen Interpretationsspielraum beschreibt auch Dr. Marian Wild in seinen einführenden Worten zur Ausstellung mit dem so treffenden Titel „Rest in pieces“: Es sei eine Grenzüberschreitung bei der künstlerischen Auseinandersetzung mit einem traditionell behafteten Thema, bei der das Alltägliche zum Besonderen, Überhöhten werde. Wild erwähnt auch in diesem Kontext den viel unbefangeneren Umgang der Portugiesen mit der Totentradition, den die Künstlerin aus ihrer Kindheit noch in Erinnerung habe. In dieser vermeintlichen Leichtigkeit bespielt Susanne Stiegeler die Kirche mit ihren starken, farbenprächtigen Werken und gibt damit ihren persönlichen Reliquien eine letzte Ruhestätte in einem sakralen Rahmen: „Rest in pieces!“
Stefanie Ulrich
Die Ausstellung in der Egidienkirche dauert noch bis zum 19. November 2022. Täglich von 9 – 17 Uhr.
Susanne Stiegeler – I believe I can die
Eröffnung: 26. Juni 2019, 19:30 Uhr
Einführung: Lukas Thüring
Ausstellung: 27. Juni bis 27. Juli 2019
Susanne Stiegeler setzt sich mit jenen Seiten des Lebens auseinander, die in unserer Kultur häufig als verstörend oder beängstigend empfunden werden: Krankheit, Tod, Vergänglichkeit. In ihren Objekten und Zeichnungen verbinden sich Ernsthaftigkeit und Schwere mit Leichtigkeit und Ironie. Es offenbaren sich das absurd-komische Streben nach Wundern und das Hoffen auf Unsterblichkeit. »Ich weiß, dass alle Menschen sterben müssen – vielleicht sogar ich.« Karl Valentin
Die Arbeiten der Künstlerin wurzeln in ihrer portugiesischen Kindheit, ihre Mutter ist Portugiesin, ihre ersten Jahre lebte Stiegeler in Portugal. Die Kirchen und Rituale dort, auch der Totenkult, prägten sie früh. Ihre „Haltung zur katholischen Kirche ist dabei nicht eindeutig“ wie sie sagt, doch spricht aus der liebevollen Gestaltung ihrer Reliquienobjekte vielmehr Zuneigung als Kritik oder Ablehnung. Da finden sich Finger, ein Ohr, ein Busen, ein Zopf, … in Gold gerahmt, und in geduldiger Feinarbeit verziert, mit Borten und Steinen dekoriert, und verglast. Aber es gehe ihr nicht um Kirche, sondern vielmehr um Magie. Um ein Ritual der Erinnerung, um die Ausstrahlung, die Dinge an bestimmten Orten entfalten. Portugiesisch sei auch das Spiel mit „Wertvoll – nicht wertvoll“. Ist es Gold oder Farbe? Edelsteine oder Plastik? Wertvoll ist hier nicht das Material sondern die Wirkung.
Bei der Gestaltung der Ausstellung hat sich die Künstlerin an der vertikalen Dreigliederung einer Kirche orientiert, mit Krypta, Heiligtum und den Heiligen. In der KREIS Galerie sind es die Krankheiten in Form von Monstern im Untergeschoss, die Reliquien im Mittelteil und die heiligen Freunde auf der Empore. Eines der Monster ist allerdings heraufgekommen: Die Tuschzeichnung „Paranoia“ hat Stiegeler als verbindendes Element für diese Ausstellung erstmals im monumentalen Format auf die Wand gebracht. Es sei die Angst, die all dem innewohne. Doch bei all diesen schweren Themen, bei so viel Krankheit, Angst und Tod, schwingt dennoch etwas Leichtes und Humorvolles mit. Diese Ambivalenz macht Stiegelers Arbeiten höchst sehenswert!
Krankheitsbedingt war Susanne Stiegeler stark auf die Hilfe der KREiS Galerie und vieler Freunde angewiesen, die die Ausstellung nach ihren Plänen realisiert haben. Wir, der KREIS und die Künstlerin, freuen uns nun sehr, dass dies gelingen konnte.
Achim Weinberg
Zu den „Wunderkammern“ von Susanne Stiegeler (* 1979)
Reliquien werden vom aufgeklärten Ungläubigen milde belächelt. Die Aufbahrung und Anbetung alter Körperteile oder –flüssigkeiten hat ihre magische Faszination verloren, wirkt archaisch verstörend und erregt gar Ekel. Im Lutherjahr erinnern wir uns an die Überwindung des Reliquienglaubens durch Luthers Zusage der Gnade Gottes rein „sola fide“ (durch den Glauben). Die Sehnsucht nach der Überwindung des Todes ist jedoch nicht verschwunden.
Baut sich der moderne Mensch doch lieber einen narzisstischen Tempel der Selbstoffenbarung und -optimierung. Auch dies dient jedoch dem Kampf gegen die Vergänglichkeit. Auch dies geht nicht ohne die magische Beschwörung von Gegenständen: Kettenschlösser an Brücken für den ewigen Erhalt der Liebe, Talismane für die Abwendung des Unheils, Messgeräte am und im Körper für die Perfektionierung ewiger jugendlicher Leistungskraft, die digitale Selbstdarstellung zur Sichtbarwerdung dauernder eigener Präsenz und damit ewiger Schönheit.
Die Hingabe an diese zum Teil aufwändig erstellten Gegenstände schreibt ihnen eine Bedeutung zu, die der rationale Betrachter als „Hokuspokus“ abtun könnte.
Dieser Begriff entstammt vermutlich einer Verkürzung der Formel „Hoc es enim corpus meum“ bei der Wandlung während der Heiligen Messe („Dies ist mein Leib“ usw.) aus Unverständnis der nicht Lateinkundigen oder auch parodistischen Motiven. Es treffen sich das tiefe Erstaunen vor der Magie der Dinge (in diesem Fall der sich in den Leib Christi verwandelnden Oblate) und der Zweifel des modernen Menschen im Angesicht des Rituals.
All dies lässt die Künstlerin mit ihren „Wunderkammern“ lebendig werden: in der Thematik der Bekämpfung von Vergänglichkeit und Tod, den ewigen Widersachern menschlichen Seins und Strebens; im Glauben an die Wirkmächtigkeit magisch aufgeladener Gegenstände; in der Wiederbelebung des Rituals durch die aufwändige, kleinstteilige Konservierung gefundener Gegenstände, nicht jedoch ohne ironische Distanz. Stiegeler verwendet nicht nur echte organische Materialien, wie sie die katholische Kirche jahrhundertelang herbeigeschafft hat, um die Bindung der Gläubigen an das Wunder zu bewerkstelligen. Sie lässt auch Materialien vom Flohmarkt oder aus Plastik weiterleben und verleiht damit an sich unbedeutenden Gegenständen ein Recht auf Existenz und die Fähigkeit zur magischen Wirkung. Welche Gegenstände dies außerdem sein können, beschreibt die Künstlerin so: Der Luftzug des letzten Wimpernschlag eines Verflossenen, das echte Plastikherz des namenlosen Büßers, ein abgeschlagenes Ohr des Lauschers an der Wand, der wundertätige Kieferknochen des irrsinnigen Rentiers, Haare ewig gestriger Freunde, die blutige Träne aus dem berühmten Knopfloch…“.
Die geistlichen Reliquien hatten immer eine körperliche Verbindung zu einem Heilig gesprochenen Wunderwirker. Die Sehnsucht nach der Magie zur Beherrschung des Todes ist bei Stiegeler stark vorhanden. Aber ihre Wundersammlung ist bei aller Rückbezüglichkeit zum Sakralen, zur regelrecht goldschwülstigen Inszenierung eben distanziert, weil sie noch obskurer ist: nämlich im zu entdeckenden Detail dichter am Alltag und zugleich bizarr, leicht und filigran und dennoch verwunschen. Der Betrachter erkennt die Parabel auf die Reliquie und kann sich dennoch mitten im Jahr 2017 in eine Welt des Wunders hineinsehnen.
Dr. Daniela Schwardt